Erklärung

Diese Seite repräsentiert im allgemeinen

a) Meine Schreib- und Recherchearbeit über Lettland und mögliche Quellen im Baltikum

b) Das im Zusammenhang mit dem Deutschen Kulturverein Ventspils und 2012 über den Verband der Deutschen vereine, Riga, herausgegebene Magazin Lett-landweit

c) Meine allgemeinen kritischen philosophischen Gedanken zum Zeitgeschehen, zur Gesellschaft und zur Psychologie dazu siehe Interview vom 14.12.2013 unten folgend

d) Reisen, welche ich sehr individuell in Osteuropa und auch teils woanders gemacht habe

dazu auch eine kleine Fernsehsendung im WDR Aktuelle Stunde, Die Bustour durch das Baltikum mit Christian Dassel vom 20.7.2012

http://kultur.lv/dkv/images/Title1.flv

oder auch eine kleine Audio Slideshow von 2014:
https://www.youtube.com/watch?v=0hfv92yxe6s

Zweck dieser Seite ist neben interessanten historischen und aktuellen Gedanken, auch eine interaktive Diskussion anzuregen, dazu sind Beiträge, Kritiken, Diskussionen zu einzelnen Rubriken gerne gesehen.

Also , Kommentare etc. bitte an folgende Mail: gallmeister@inbox.lv

{edocs}interviewliepaja.pdf,920,300{/edocs}

 

Ein Interview vom 14. Dezember 2013 von der Zeitung Kurzemes Vards mit dem Vorsitzenden des Deutschen Hauses in Liepaja

(eine sinngemässe Übersetzung aus dem lettischen Originaltext)

 

 

Der Deutsche Michael Gallmeister lebt nun schon 9 Jahre in einer kurländischen Kleinstadt aber sieht die ganze Welt in ihrer Gesamtheit, nicht nur das kleine Stück was jeden von uns persönlich umgibt.

 

(Frage der Redakteurin Dina Balta immer in Fettschrift)

 

Können Sie sagen was nach den letzten Ereignissen (Dacheinsturz Maxima und Rücktritt des Premierministers Dombrovskis worüber wir eben gesprochen haben) bei uns passiert?

 

Ja, wollen wir mal betrachten was in Lettland passiert. Das was ich jetzt sagen werde wird nicht das sein was die Menschen hier hören möchten, aber es muss mal gesagt werden.

Ich denke Lettland hat die ganze Zeit immer grosse Probleme gehabt, da das Land nicht in der Lage war eigene Unternehmen, Produktionsstätten, Fabriken zu schaffen.

Dies ist eines der grossen Probleme, und ich denke das auch die Staatsführung in dieser Hinsicht zu wenig unternommen hat um diese Situation zu verbessern.

Sie denkt mehr über Filialen nach welche von Ausländern gegründet werden.

Aber der eigentliche Grund warum Ausländer in Lettland investieren und Filialen eröffnen, ist wegen der geringen Lohnausgaben. Ab langfristig hat das keinen Bestand.

Man müsste Unternehmer finden welche selber Betriebe schaffen die eigenen Rohstoffe nutzen und verarbeitete auch exportieren, dann würden auch nach einer Zeit die Löhne steigen.

Meiner Meinung nach sind die Letten ziemlich passiv, sie sagen: ich weiss nicht was ich machen soll und fahren ins Ausland.

Sie haben zuwenig Energie um selbst etwas auf die Beine zu stellen.

Letten streiten und kämpfen untereinander und sind gemeinsam kaum zu etwas fähig.

Das Resultat sieht man jetzt an Lettlands allgemeiner Situation.

Woher das kommt?

Ich habe grosses Interesse an der baltischen Geschichte, deshalb weiss ich das die Letten seit etwa 800 Jahren unter Deutschen oder Russen gelebt haben. Die lettische Einstellung war immer – die da oben machen was, organisieren, ich kümmere mich lieber nur um meinen Hof und meine Familie und das ist alles.

Diese Einstellung bleibt im Unterbewusstsein auch heute noch verhaftet.

Sie reden zwar Worte wie: wir sind wir selbst, wir sind das Volk.

Aber das Unterbewusstsein bleibt.

Wie lange wird es dauern bis sich das ändert?

 

Mathematisch gesehen müsste man sagen genauso lange. Nun es könnte aber auch anders kommen. Das hängt auch von der Staatsführung ab. Ich selbst sage dazu immer: Die Grundlage der lettischen Gesetzgebung hat kein demokratisches Fundament. Sondern das Fundament des lettischen Staates besteht darin dem Volk nicht zu trauen und dementsprechende Gesetze zu erlassen wie z.B. den untersagten Treibstofftransport in Privatfahrzeugen. Der Staat begreift die eigenen Einwohner in seiner Gesetzesgestaltung als Diebe. Es ist vielleicht etwas scharf gesagt , aber auf solch einem Fundament lässt sich kein Staat erhalten. Lieber zwei dreimal Fehler zulassen als alles zu verbieten. Nach einer gewissen Zeit werden die Menschen selber merken, das alles Schlechte was sie tun auf sie selbst eine Rückwirkung ausüben wird, nicht nur durch Gesetze sondern auch auf anderen Wegen.

Die Menschen und gesellschaftliche Organisationen wollen das verändern, aber die meisten merken nach einer gewissen Zeit das sie an den Rand gedrängt werden und geben auf.

 

Auch in Deutschland ist das nicht einfach, denn in Deutschland gibt es neben der grösseren Zahl von Organisationen auch eine viel grössere Zahl von Menschen, was bedeutet einen Tropfen gegen einen Eimer Wasser. Aber es gibt eine grosse Zahl von Menschen welche in Deutschland stark ihre gesellschaftlichen Interessen versuchen durchzusetzen. In Deutschland gibt es ein höheres Einkommen und damit auch oft mehr freie Zeit, hier weiss ich das viele Menschen zwei Arbeitsplätze haben um ihr nötiges Einkommen sicherzustellen. Wenige denken über die freie Zeit nach. Die ganze Zeit denken sie über Zahlen, Geld und wie man das erhält.

Das Beispiel mit dem Treibstoff belegt doch auch die Armut in unserer Gesellschaft.

 

Was ist Armut?, das ist schwer zu definieren. Habe letztens in der Statistik gelesen das in Deutschland jemand als arm gilt wenn er weniger als 900 EURO im Monat hat.

Die andere Frage ist, wie viel Geld braucht der Mensch zum Leben.

Heute ist alles voll mit Propaganda: Reklame, Fernsehen, Internet beeinflusst uns den ganzen Tag zu dem Zweck uns einzureden wir bräuchten noch dies oder jenes.

Im Supermarkt gibt es 100 Sorten von Shampoo. Wozu? Ich versteh das nicht.

Die Menschen gehen in einen vollen Einkaufsladen und wissen schon nicht mehr vor lauter Auswahl was sie kaufen sollen, wie in der griechischen Fabel, wo der Esel zwischen zwei gleichen Heuhaufen nicht auswählen kann und letzten Endes verhungert. Dies ist ein Symptom und eine Krankheit unserer Zeit.

Wir müssten mehr selber überlegen was brauche ich, jetzt hören wir nur was andere uns erzählen .

Wenn über die Armut nicht genauer und tiefer und weiter nachgedacht wird, dann hat es keinen Wert darüber zu reden.

Ich kenne Familien welche mit 450 EURO im Monat hier ruhig leben können.

Das ist ein westliches Problem, wird nach ihrer Meinung die westliche Welt untergehen?

 

Ja, das ist stark anzunehmen. Ich denke da an Nietzsche, welcher sehr prophetisch gedacht hat. Er hat sehr klar erkannt was kommen wird. Man könnte Nietzsche in einigen Aussagen wie einen Kalender nutzen.

Ich war letztens auf einem Seminar in Berlin, wo eine Frau aus Irkutsk mir sagte, du kannst dir nicht vorstellen was bei uns los ist, ein grosser Teil der Stadt ist schon von Chinesen bevölkert, ganze Viertel, die Russen schmeissen tausende von Chinesen an der Grenze raus und noch mehr tausende kommen gegenüber wieder rein, die kann man nicht mehr aufhalten.

Ist das gut oder schlecht?

 

Für das westliche Selbstverständnis eine Katastrophe.

Wir haben Erfahrung uns um kleine Dinge zu kümmern, aber ein Hauptproble
m ist, das mittlerweile 7 Milliarden Menschen auf dieser Kugel leben. Und das ist viel zu viel. Alle Rohstoffe werden demnächst aufgebraucht. Wir reden im Westen von Ökologie, umweltfreundlichen Kühlschränken und Autos. Aber das ist alles dummes Zeug, ad das alte Material was im Westen ausgesondert wird, nach Afrika, Indien transportiert wird, wo es dann noch mal 10 oder 20 Jahren ausführlich genutzt wird. Aber das ist ja weit weg und somit nicht unser Problem. Dafür sehe ich auch keine Lösung und vielleicht gibt es auch keine.

Leben Sie erst hier in Lettland ohne Fernseher und Handy?

Schon lange, auch in Deutschland. Internet nutze ich, aber Fernsehen ist Verdummung.

Warum sind Sie nach Lettland gekommen?

In Deutschland habe ich alte Bücher gesammelt und damit gehandelt und bin viel nach Osteuropa gefahren, Tschechien, Polen, Rumänien usw.

Überall wo Deutsche gewesen sind sind auch deutsche Bücher übriggeblieben. Ich habe Reisen mit der Büchersuche kombiniert.

Einst dachte meine Frau das man vielleicht auch mal die Ostseeküste und die baltischen Länder besuchen könnte. Ich sagte zuerst, was soll ich da, da gibst bestimmt keine Bücher.

1995 bin ich mit meinem alten Bus losgefahren und auch zum ersten mal in Liepaja gewesen. Das war interessant wie eine deutsche alte Stadt. In Riga habe ich viele deutsche Bücher gefunden und mich gewundert warum. Danach habe ich mich mit der baltischen Geschichte beschäftigt und alles verstanden. In westdeutschen Schulgeschichtsbüchern wurde die baltische Frage nicht behandelt.

Danach bin ich jedes Jahr zweimal ins Baltikum gefahren. Den folgenden Sommer habe ich dann bei Uzava die einsame Küste entdeckt, sehr schöner Sand, kleine Wellen und keine Menschen, auch das kann Europa sein habe ich gedacht. Ja hier in der Nähe würde ich gerne wohnen. (und er hatte ein altes Haus in Piltene gefunden Anm. Redakteurin) Das war nicht besonders gut erhalten, aber wozu auch? Das Dach ist dicht, die Öfen heizen. Sterilen Renovierung brauche ich nicht, ich kenne dort einen Tischler der mir bei Reparaturen hilft. Vier Jahre habe ich das haus als Sommerhaus genutzt aber im Herbst 2004, ich erinnere mich gut, habe ich in meinem Zimmer gesessen und überlegt warum ich eigentlich nicht in Piltene wohne, Büchersammeln kann ich auch von dort.

Die Letten sind anders als die Ostdeutschen (seit 1992 lebte er in Ostdeutschland Anm. der Redakteurin). Dort haben die Nachbarn immer geschat, warum schläft der lange, warum steht das Auto nicht auf dem Hof etc. Ich hatte befürchtet das in Piltene es genauso wird, habe dann aber verstanden das dort eine etwas andere Mentalität herrscht. Nach zwei Jahren habe ich mal den Tischler gefragt was die Leute denn im Dorf über uns Deutsche denken. Na, zuerst haben die gedacht was sind das für verrückte Deutsche, aber danach – ach, wir haben unsere eigenen Probleme, lass die da machen was sie wollen. Das ist liberaler Ignorantismus oder ignoranter Liberalismus. Nach vielen Jahren ist der erste Lette zu mir gekommen, er wusste das ich Autos schweisse und repariere und fragte mich ob ich ihm für den TÜV helfen könnte. Der Tischler ist einer meiner besten Freunde, von ihm habe ich lettisch gelernt, abends beim zusammen Biertrinken, und vor ca. einem halben Jahr hat er mich eingeladen mit Freunden zusammen die Sauna zu besuchen.

Freundschaft mit Letten zu bekommen ist schwer, aber wenn du jemanden lange kennst und die Freundschaft wächst, dann kannst du 100% dich auf diesen Menschen verlassen, egal in welcher Situation.

 

Piltene war eine deutsche Stadt?

 

Ja die Geschichte von Piltene ist sehr interessant! In der kurländischen Herzog Jakob Zeit war Piltene völlig unabhängig, getrennt vom Herzogtum, mir gefällt das.

Was machen Sie in Liepaja?

 

Ich helfe dem Deutschen Haus eine etwas modernere Arbeitsweise und Struktur zu bekommen, eine Homepage zu erstellen, ich möchte das das Deutsche Haus ein Ort wird wo Touristen mit der deutschen Geschichte der Stadt bekannt gemacht werden können. Und es gibt noch viel deutsches Material über Liepaja, was selbst die Einwohner nicht kennen.

Zusammen mit dem Philosophen Matthias Roggo aus der Schweiz arbeiten wir an einem Projekt über Nietzsche und die Geschichte der Wiederkehr des Gleichen.

Dieser Gedanke wurde schon bei den alten Griechen formuliert, auch bei Laotse und in der Bibel unter den Sprüchen Salomons. Das ist eine sehr grosse und schwierige philosophische Frage.

 

4 comments

  • Rolf Gallmeister

    Hallo Michael,
    äußerst interessant was ich gerade gelesen habe. Aufmerksam auf dich sind wir durch unsere Radtour durchs Baltikum geworden. Unsere Radtour die mein Bruder Heinz seit Jahrzehnten organisiert, führte uns nach Riga. Die dortige Stadtführerin hatte unsere gemeinsamen Namen in Verbindung gebracht. Dein Lebensweg finde ich bewundernswert, alle Achtung!!!
    Mein Bruder Heinz wird auch noch Verbindung zu dir aufnehmen, auch wegen der Namensgleichheit. Werde ihm den Link des vorliegenden Artikels senden.
    Bin mehr als begeistert, alle Achtung! Die Balten verdienen ebenfalls meinen Respekt!
    Herzliche Grüße aus Schönefeld (bei Berlin) sendet dir Rolf

    • Hallo Rolf, dank dir für die Nachricht, veilleicht trifft man sich ja mal in D oder in Lettland, Gallmeisters gibts ja nicht so viele
      Grüsse aus dem jetzt kühlen Sommer
      Mic

  • Herr Gallmeister,
    ich war immer ueberzeugt,dass die Intelekte immer bescheid sich zeigen, jetzt weiss ich genau, dass es wirklich so ist. Bei unserem Treffen habe ich natuerlich sehr hoch Sie akzeptiert, aber nachdem ich Ihre Schrift gelesen habe,wiederhole ich mein Angebot und bitte um Erlaubnis irgendwie Ihren Artikel fuer unsere Zeitschrift zu uebersetzen. Ich werde froh auf unsere weitere Mitarbeit irgenwie in Georgien oder im Lettland oder per Internet sogar.
    Mit Ehre
    LAli Beridze

  • jeder esel liest mit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.