Kritische Gedanken alter Denker zur Zivilisation

Al – Maarri

 

Al Maarri ist gewissermassen ein mittelalterliches Bindeglied zwischen dem alten griechischen intuitiven Grundwissen und den neuzeitlichen Überlegungen welche seit 1800 wieder die Geister erregten, fernab von Religion und Macht!

Andererseits wohl einer der schärfsten Pessimisten, jenseits von Schopenhauer!

Die vegane Idee bei Maarri ist, in seiner auch von ihm selbst eigentlich gedanklich streng durchgezogenen Linie, schliesslich ein philosophischer Versuch seine Geburt rückgängig zu machen. Wenn wir uns aber nun zur persönlichen Lebenserhaltung, und der hat Maarri auch gefrönt, bekennen, dann wissen wir auch, das wir nicht nur wie Aasgeier totes Material verzehren können, sondern besonders angesichts der steigenden Erdbevölkerung, auf organische, lebende Pflanzen, die in ihrem Reifestadium abgeerntet werden, angewiesen sind. Wer aber hat das Recht, das Leben einer Pflanze geringer einzuschätzen als das Leben eines Tieres, vermutlich eben nur die Tiere. Kannibalismus wäre das finale Konzept zur Lösung aller Fragen, ohne die Umwelt im geringsten zu schädigen, na ja, die Tauben, Nuttenköter, Schmusekatzen etc. würden uns als würdige Tiere auf dem letzten Weg eine kurze Weile noch begleiten.

Hier eine Auswahl von Maarri Texten mit meinen entsprechend, teils philosophischen Kommentaren:

 

“Dies Leben, mein Freund, ist ein unverscharrter Kadaver, wie die Hundemeute, die ihn kläffend umzingelt:
Verlierer ist wer einen Fleischfetzen ergattert, Gewinner wer leer ausgeht bei dem Bankett; wen das Verhängnis nicht nächtens ansprang, der wird unfehlbar im Morgengrauen von einer Laune des Zufalls niedergemacht.”

Wer zuerst geht, bekommt kein Bauchweh. Strikte Leidvermeidung, – man kann es auch anders sehn, wenn man sowieso die Bühne und das Bankett verlassen muss, dann lieber mit vollem Bauch, – was Tradition bei der Henkersmahlzeit war. Deshalb kann man auch fleissig mitzechen beim Bankett, ohne grosse Erwartung, da sowohl der Asket als auch der Trinker gleichermassen hinweggerafft werden

“Tage sind die Nachkommen gleicher Eltern,
Nächte sind die Schwestern einer Familie:
Suche in deinen Tagen und Nächten nichts, was nicht schon vorzeiten war.”

Anspielung auf den Gedanken der EW im strikten linear unendlichen Sinne

“Ich sehe die Menschen in zweierlei Licht,
Vergangenheit und Zukunft;
und in zweierlei Zustand, Zeit und Ort.
Wenn wir wissen wollen was für eine Rechenschaft Gott über diese Absonderlichkeiten gibt,
erhalten wir eine ausweichende Antwort.”

Von hinten erklärt, scheint Gott es entweder nicht selbst zu wissen, oder will es uns nicht verraten. Heraklit, nie derselbe Fluss, die Frage nach dem nicht zu greifenden Moment

“Das Gefäss der Stunden bewahrt verborgene Geschicke,
deren Erscheinen die Mächte bestimmen, die sie bewachen.
Der Schöpfer, dessen Gedicht die Zeit ist, braucht sich darin
nicht auf abgegriffene Reime herauszureden.
So schwinden die Tage und Nächte
ohne Empfinden für ihre Eile und ihr Zögern oder was sie den Menschen bringen.”

Selbst der Schöpfer ist dem ewigen auf und ab der unendlichen Formenvielfalt nicht gewachsen, er klemmt fest im Getriebe des Gedichts und fabuliert von Ende oder Anfang

Man sagt, das die Seele so oft die Fähre vom Leichnam zum Kind nehmen muss, bis sie geläutert von jeder Überfahrt,
bereit ist für Gott.
Glaube nichts was man dir weismacht,
es sei denn, du kannst dich durch eigene Kenntnis für die Wahrheit verbürgen.

Anspielung auf Buddhismus, welchen er übrigens in seinen religiösen Urteilen ausgenommen hat. Erzählen kann man viel, prüfe es in deinem einen Leben.

Palmstämme, hochragend in die Wolken, sind doch nur Holz.
Bleib gelassen, bedenke, je öfter das indische Schwert geschärft wird, desto mehr braucht es sich auf.”

Hochhäuser an die Wolken kratzend sind doch nur Staub, je mehr man erreichen will, so schneller kommt man ans Ende!

“Das Ende zu dem wir geschaffen wurden, bleibt unklar:
Wir leben für eine flüchtige Weile,
bis die Abnutzung uns zermürbt hat.
Wir sind wie darbende Pferde, heftig mahlen ihre Kiefer,
bis die Backenzähne bluten von der Reibung.”

Eigentlich nicht, Leben zum Verenden, so siehts immer wieder von neuem aus!

“Du entrollst die Karte der Sterne, um die Knoten des Lebens zu lösen,
indes die fliehende Zeit dich antreibt.
Das Dasein ist nie verschwenderisch mit seinem Honig,
eh wir das Bittere gekostet mit dem Süssen.”

Innerhalb der Vergänglichkeit ist das Angenehme mitunter seltener als das Unangenehme.

In dies Haus des Unheils kam ich unter Zwang,
jetzt hab ich mich eingerichtet darin, will nicht woanders hin;
ich leide Qualen, der menschliche Wankelmut gibt keinen Halt.
Regenwolken, Todeswolken ziehn auf über Erdbewohner,
die wachsen wie wuchernde Pflanzen.
Der Mensch kämpft ums Überleben, sein Geist ist überzählig.”

Wenn die Erkenntnis kommt, werden wir von uns selber erdrückt.

Und abschliessend im Bezug zur aktuellen Klimadiskussion:

“Das der Regen die Menschen vom Gesicht der Erde fortschwemmte!
Solange Menschen auf ihr sind, ist ihr Gesicht beschmutzt:
Sie findet Reinheit erst an dem Tag wieder,
da ihre Horizonte nicht mehr bevölkert sind.”

 

Dschuang Dsi chinesischer Taoist gelebt zur Zeit Aristoteles in China.

Jede Ursache hat ihre Wirkung

Wenn Heilige geboren werden so erheben sich die grossen Räuber.

Macht man Scheffel und Eimer, das die Leute damit messen, so macht man gleichzeitig mit diesen Scheffeln und Eimern die Leute zu Dieben.

Macht man Siegel und Stempel, das die Leute Urkunden bekommen, so macht man gleichzeitig mit Siegeln und Stempeln sie zu Dieben.

Wenn einer eine Spange stielt, so wird er hingerichtet. Wenn einer ein Reich stiehlt so wird er Landesfürst.

Darum verbrennt die Stempel und zerstört die Siegel, und die Leute werden einfältig und ehrlich!

Vernichtet die Scheffel und zerbrecht die Waagen, und die Leute hören auf zu streiten.

Wenn erst einmal die ganze Kultur auf Erden ausgerottet ist, dann erst kann man mit den Leuten vernünftig reden.“

 

 

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J.J. Rousseau (Diskurs über die Ungleichheit)

Die Metallurgie und der Ackerbau waren die beiden Künste, deren Erfindung diese grosse Revolution( Übergang vom Naturzustand in die Zivilisation) hervorbrachte, für den Dichter ist es das Gold und das Silber, für den Philosophen aber ist es das Eisen und das Getreide, das die Menschen zivilisiert und das Menschengeschlecht ins Verderben geführt hat…

Der Grund warum Europa konstanter und besser zivilisiert worden ist als andere Teile der Welt, besteht darin, das es gleichzeitig am reichsten an Eisen ist , und am fruchtbarsten, was das Getreide anbelangt.“

Vergleicht ohne Vorurteile den Zustand des bürgerlichen Menschen mit dem des wilden Menschen… wenn ihr die geistigen Qualen betrachtet, die uns verzehren, die heftigsten Leidenschaften die uns erschöpfen, die exzessiven Arbeiten, mit denen die Armen überlastet sind, die noch gefährlichere Weichlichkeit, der sich die Reichen hingeben, welche die einen an ihrer Not und Bedürftigkeit und die anderen an ihren Exzessen sterben lassen.

Wenn ihr an die monströsen Mischungen der Speisen denkt, an ihre schädlichen Würzungen, an die verdorbenen Lebensmittel, an die gefälschten Drogen .. „

 

Friedrich Nietzsche (aus Morgenröthe , Gedanken über die moralischen Vorurtheile 1881)

 

Gegen Rousseau. — Wenn es wahr ist, dass unsere Civilisation etwas Erbärmliches an sich hat: so habt ihr die Wahl, mit Rousseau weiterzuschliessen „diese erbärmliche Civilisation ist Schuld an unserer schlechten Moralität“ oder gegen Rousseau zurückzuschliessen „unsere gute Moralität ist Schuld an dieser Erbärmlichkeit der Civilisation. Unsere schwachen, unmännlichen gesellschaftlichen Begriffe von gut und böse und die ungeheuere Überherrschaft derselben über Leib und Seele haben alle Leiber und alle Seelen endlich schwach gemacht und die selbständigen, unabhängigen, unbefangenen Menschen, die Pfeiler einer starken Civilisation, zerbrochen: wo man der schlechten Moralität jetzt noch begegnet, da sieht man die letzten Trümmer dieser Pfeiler.“ So stehe denn Paradoxon gegen Paradoxon! Unmöglich kann hier die Wahrheit auf beiden Seiten sein: und ist sie überhaupt auf einer von beiden? Man prüfe.“

 

Marquis de Sade ( Justine 1797)

Das sollte die Hauptaufgabe der Philosophie sein: die Mittel und Wege zu erforschen, deren sich das Schicksal zur Erreichung seiner Ziele bedient. Daraus müsste sie dann Verhaltensmassregeln für den armseligen Zweifüssler, Mensch genannt, herleiten…

Wenn wir nun bei unseren Studien finden, das die Bösen für ihre Missetaten Lohn statt Strafe ernten, werden da nicht Menschen .. mit Recht schliessen, es sei besser sich dem Laster offen zu weihen, als ihm zu widerstreben.“

 

Nietzsche (Aus dem Nachlass und andere Nietzsche Texte )

 

Was mich am tiefsten beschäftigt hat, das ist in der That das Problem der décadence, — ich habe Gründe dazu gehabt. „Gut und Böse“ ist nur eine Spielart jenes Problems. Hat man sich für die Abzeichen des Niedergangs ein Auge gemacht, so versteht man auch die Moral, — man versteht, was sich unter ihren heiligsten Namen und Werthformeln versteckt: das verarmte Leben, der Wille zum Ende, die grosse Müdigkeit.“

 

Der Wohlstand, die Behaglichkeit, die den Sinnen Befriedigung schafft, wird jetzt begehrt, alles Welt will vor allem das, folglich wird sie einer geistigen Sklaverei entgegengehen, die noch nie da war.“

 

Die Conformität mit dem Gesetz gilt bereits als Ziel, als oberstes Ziel, – das Leben hat keine Probleme mehr.“

 

Heute wo der Staat einen unsinnig dicken Bauch hat gibt es in allen Feldern Fächern ausser den eigentlichen Arbeitern noch Vertreter…, gar nicht zu reden von den Politikern von Berufs wegen, welche sich wohl befinden und Nothstände vor einem Parlament mit starken Lungen vertreten“

 

(Denis de Rougemont)

 

Die Dekadenz beginnt, wenn die Menschen nicht mehr fragen: Was werden wir tun? Sondern: Was wird uns geschehen? Für Nationen, für politisches Handeln überhaupt, ist eine dekadente Einstellung tödlich.“

J.G. Ballard in Cocain Nights 1998:

 

„Vielleicht tritt unsere Fin-de-siècle-Dekadenz nicht in der Form schrankenloser Exzesse, sondern vielmehr als jener übersteigerte Puritanismus in Erscheinung, den wir bei den politisch Korrekten und in den verschiedenen moralischen Überzeugungen von Fitneß-Fanatikern, New Agern und Tierschützern erkennen.”