Kritische Gedanken alter Denker zur Zivilisation

Dschuang Dsi chinesischer Taoist gelebt zur Zeit Aristoteles in China.

Jede Ursache hat ihre Wirkung

Wenn Heilige geboren werden so erheben sich die grossen Räuber.

Macht man Scheffel und Eimer, das die Leute damit messen, so macht man gleichzeitig mit diesen Scheffeln und Eimern die Leute zu Dieben.

Macht man Siegel und Stempel, das die Leute Urkunden bekommen, so macht man gleichzeitig mit Siegeln und Stempeln sie zu Dieben.

Wenn einer eine Spange stielt, so wird er hingerichtet. Wenn einer ein Reich stiehlt so wird er Landesfürst.

Darum verbrennt die Stempel und zerstört die Siegel, und die Leute werden einfältig und ehrlich!

Vernichtet die Scheffel und zerbrecht die Waagen, und die Leute hören auf zu streiten.

Wenn erst einmal die ganze Kultur auf Erden ausgerottet ist, dann erst kann man mit den Leuten vernünftig reden.“

 

 

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J.J. Rousseau (Diskurs über die Ungleichheit)

Die Metallurgie und der Ackerbau waren die beiden Künste, deren Erfindung diese grosse Revolution( Übergang vom Naturzustand in die Zivilisation) hervorbrachte, für den Dichter ist es das Gold und das Silber, für den Philosophen aber ist es das Eisen und das Getreide, das die Menschen zivilisiert und das Menschengeschlecht ins Verderben geführt hat…

Der Grund warum Europa konstanter und besser zivilisiert worden ist als andere Teile der Welt, besteht darin, das es gleichzeitig am reichsten an Eisen ist , und am fruchtbarsten, was das Getreide anbelangt.“

Vergleicht ohne Vorurteile den Zustand des bürgerlichen Menschen mit dem des wilden Menschen… wenn ihr die geistigen Qualen betrachtet, die uns verzehren, die heftigsten Leidenschaften die uns erschöpfen, die exzessiven Arbeiten, mit denen die Armen überlastet sind, die noch gefährlichere Weichlichkeit, der sich die Reichen hingeben, welche die einen an ihrer Not und Bedürftigkeit und die anderen an ihren Exzessen sterben lassen.

Wenn ihr an die monströsen Mischungen der Speisen denkt, an ihre schädlichen Würzungen, an die verdorbenen Lebensmittel, an die gefälschten Drogen .. „

 

Friedrich Nietzsche (aus Morgenröthe , Gedanken über die moralischen Vorurtheile 1881)

 

Gegen Rousseau. — Wenn es wahr ist, dass unsere Civilisation etwas Erbärmliches an sich hat: so habt ihr die Wahl, mit Rousseau weiterzuschliessen „diese erbärmliche Civilisation ist Schuld an unserer schlechten Moralität“ oder gegen Rousseau zurückzuschliessen „unsere gute Moralität ist Schuld an dieser Erbärmlichkeit der Civilisation. Unsere schwachen, unmännlichen gesellschaftlichen Begriffe von gut und böse und die ungeheuere Überherrschaft derselben über Leib und Seele haben alle Leiber und alle Seelen endlich schwach gemacht und die selbständigen, unabhängigen, unbefangenen Menschen, die Pfeiler einer starken Civilisation, zerbrochen: wo man der schlechten Moralität jetzt noch begegnet, da sieht man die letzten Trümmer dieser Pfeiler.“ So stehe denn Paradoxon gegen Paradoxon! Unmöglich kann hier die Wahrheit auf beiden Seiten sein: und ist sie überhaupt auf einer von beiden? Man prüfe.“

 

Marquis de Sade ( Justine 1797)

Das sollte die Hauptaufgabe der Philosophie sein: die Mittel und Wege zu erforschen, deren sich das Schicksal zur Erreichung seiner Ziele bedient. Daraus müsste sie dann Verhaltensmassregeln für den armseligen Zweifüssler, Mensch genannt, herleiten…

Wenn wir nun bei unseren Studien finden, das die Bösen für ihre Missetaten Lohn statt Strafe ernten, werden da nicht Menschen .. mit Recht schliessen, es sei besser sich dem Laster offen zu weihen, als ihm zu widerstreben.“

 

Nietzsche (Aus dem Nachlass und andere Nietzsche Texte )

 

Was mich am tiefsten beschäftigt hat, das ist in der That das Problem der décadence, — ich habe Gründe dazu gehabt. „Gut und Böse“ ist nur eine Spielart jenes Problems. Hat man sich für die Abzeichen des Niedergangs ein Auge gemacht, so versteht man auch die Moral, — man versteht, was sich unter ihren heiligsten Namen und Werthformeln versteckt: das verarmte Leben, der Wille zum Ende, die grosse Müdigkeit.“

 

Der Wohlstand, die Behaglichkeit, die den Sinnen Befriedigung schafft, wird jetzt begehrt, alles Welt will vor allem das, folglich wird sie einer geistigen Sklaverei entgegengehen, die noch nie da war.“

 

Die Conformität mit dem Gesetz gilt bereits als Ziel, als oberstes Ziel, – das Leben hat keine Probleme mehr.“

 

Heute wo der Staat einen unsinnig dicken Bauch hat gibt es in allen Feldern Fächern ausser den eigentlichen Arbeitern noch Vertreter…, gar nicht zu reden von den Politikern von Berufs wegen, welche sich wohl befinden und Nothstände vor einem Parlament mit starken Lungen vertreten“

 

(Denis de Rougemont)

 

Die Dekadenz beginnt, wenn die Menschen nicht mehr fragen: Was werden wir tun? Sondern: Was wird uns geschehen? Für Nationen, für politisches Handeln überhaupt, ist eine dekadente Einstellung tödlich.“

J.G. Ballard in Cocain Nights 1998:

 

„Vielleicht tritt unsere Fin-de-siècle-Dekadenz nicht in der Form schrankenloser Exzesse, sondern vielmehr als jener übersteigerte Puritanismus in Erscheinung, den wir bei den politisch Korrekten und in den verschiedenen moralischen Überzeugungen von Fitneß-Fanatikern, New Agern und Tierschützern erkennen.”